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Heinrich Buchmann  Wein-und Genussexperte (IHK)  

Toskana

Zwischen Zypressen, Struktur und Sonne


Die Toskana ist keine Weinregion.
Sie ist ein kultureller Raum.


Kaum eine andere Landschaft Europas verbindet Wein, Geschichte, Architektur und Identität so eng miteinander. Hier entstehen Weine, die weltweit bekannt sind.
Und doch bleibt ihr Fundament klar:

  • Sangiovese.
  • Herkunft.
  • Struktur.


Geografie und Fundament – warum Sangiovese hier anders spricht
Die Toskana liegt zwischen Apennin und Tyrrhenischem Meer.
Sie ist klimatisch offener als das Piemont, wärmer als das Burgund –
aber strukturell keineswegs weich.


Das Klima ist mediterran geprägt:

  • warme, lange Sommer
  • ausgeprägte Sonneneinstrahlung
  • milde Winter
  • kühlende Meereswinde
  • deutliche Tag-Nacht-Unterschiede in höheren Lagen

Diese Kombination ermöglicht physiologische Reife,
ohne die Säurestruktur vollständig zu verlieren.


Die Böden – Galestro, Alberese, Küstensand
Die stilistische Handschrift der Toskana entsteht im Boden.
Galestro
Ein bröseliger Schiefer-Lehm.
Drainierend, karg, zwingt zur tiefen Verwurzelung.
Er erzeugt straffe, lineare Sangiovese-Weine mit klarer Säure.
Alberese
Kalkreicher Mergel.
Bringt Struktur, Spannung und mineralische Präzision.
Küstenböden (Maremma & Bolgheri)
Sand, Ton, teils eisenhaltige und schieferartige Einschlüsse.
Hier entstehen wärmere, rundere, mediterran geprägte Weine.


Das ist entscheidend:
Sangiovese ist keine uniforme Rebsorte.
Er reagiert sensibel auf Boden und Mikroklima.
Und genau deshalb ist die Toskana so vielschichtig.


Sangiovese – Struktur vor Opulenz
Sangiovese ist keine gefällige Rebsorte.
Er bringt:

  • hohe natürliche Säure
  • markantes, oft körniges Tannin
  • rote Kirschfrucht
  • getrocknete Kräuter
  • manchmal florale Anklänge
  • mit Reife: Leder, Tabak, Balsamico


Er ist weniger dunkel als Cabernet. Weniger monumental als Nebbiolo.


Aber er besitzt eine eigene Form von Spannung.
Sangiovese baut keine massive Architektur. Er baut Gerüst.
Und dieses Gerüst trägt Jahrzehnte.


Die Struktur der Toskana – klare Differenzierung


Bevor man über Brunello, Bolgheri oder Maremma spricht, muss man das Fundament verstehen:


Chianti ist nicht Chianti Classico.
Und IGT ist keine Qualitätsstufe unter DOCG – sondern ein anderes System.


Chianti DOCG – das große Dach
Chianti ist die weitläufige Appellation, die mehrere Unterzonen umfasst.
Sie ist geografisch groß, stilistisch variabel und qualitativ heterogen.
Anforderungen:


mindestens 70 % Sangiovese
Rest andere zugelassene Rebsorten
moderater Holzeinsatz
geringere Mindestanforderungen als Classico

    Stilistik:
  • rote Kirsche
  • mittlere Struktur
  • lebendige Säure
  • moderates Tannin
  • oft früher zugänglich

Chianti ist die Einstiegsebene in die Region.
Hier entsteht viel solider, ehrlicher Wein – aber auch viel Durchschnitt.
Er ist das Volumen der Region.
Nicht ihr Anspruch.


Chianti Classico DOCG – das historische Zentrum
Zwischen Florenz und Siena liegt das Ursprungsgebiet.
Erkennbar am Gallo Nero.
Hier ist Sangiovese nicht Beiwerk – sondern Identität.


Anforderungen:

  • mindestens 80 % Sangiovese
  • keine weißen Rebsorten
  • strengere Ertragsbegrenzung
  • höhere Mindestalkoholwerte


Reife:

  • Annata: 12 Monate
  • Riserva: 24 Monate
  • Gran Selezione: mindestens 30 Monate, ausschließlich aus eigenen Weinbergen
  • Stilistik:
  • präzisere Säure
  • strafferes Tannin
  • klare Kirschfrucht
  • Kräuterwürze
  • mineralische Tiefe

Chianti Classico ist kein „besserer Chianti“.
Er ist ein anderes Niveau von Struktur. Er ist das historische Herz der Toskana.


IGT Toscana – die bewusste Freiheit
IGT bedeutet nicht minderwertig.
Im Gegenteil. Die IGT-Kategorie entstand in den 1970er-Jahren,
weil ambitionierte Winzer die DOC-Regeln als zu starr empfanden.
Hier entstanden die ersten Super Tuscans.

Was IGT erlaubt:

  • freie Rebsortenwahl
  • internationale Sorten (Cabernet, Merlot, Syrah etc.)
  • flexible Ausbauformen
  • keine starre Blend-Vorgabe

IGT ist kein Qualitätsurteil. Es ist ein Freiheitsmodell.
Ein 100 % Sangiovese kann IGT sein.
Eine Cuvée aus Sangiovese und Syrah ebenso.
Oder ein Cabernet-dominiertes Prestigeprojekt.
IGT ist die Bühne der Innovation.


Warum diese Differenzierung entscheidend ist
Viele sehen nur:

  • Chianti = günstig
  • Brunello = teuer
  • IGT = modern

Doch die Realität ist komplexer:

Chianti DOCG breites Spektrum regionales Volumen
Chianti Classico DOCG strukturiert, präzise historische Identität
IGT Toscana frei, kreativ stilistische Innovation

Wer die Toskana verstehen will, muss diese Ebenen unterscheiden.


Wenn ich eine Flasche in der Hand halte und „Chianti“ lese,
weiß ich noch nicht, was mich erwartet.


Sehe ich „Chianti Classico“, beginnt Struktur.
Sehe ich „IGT Toscana“, beginnt Freiheit.


Und genau das ist die Toskana:
Tradition, die bleibt. Freiheit, die entsteht.
Und Sangiovese als verbindendes Element.
Struktur mit Sonne.
Nicht als Widerspruch – sondern als Identität. 🍷



Brunello di Montalcino DOCG – Monument des Südens
100 % Sangiovese Grosso.
Wärmere Lage südlich von Siena.
Mindestens 5 Jahre Reife (Riserva 6).
Hier entsteht:

  • dunklere Frucht
  • dichteres Tannin
  • größere Wärme
  • balsamische Tiefe
  • längere Reifephase

Brunello ist strukturierter als viele Chianti.
Aber weniger kühl als Nebbiolo. Er ist mediterrane Architektur.


Vino Nobile di Montepulciano DOCG – die aristokratische Mitte
Mindestens 70 % Sangiovese (Prugnolo Gentile).
Stilistisch zwischen Chianti Classico und Brunello.

  • balanciert
  • strukturiert
  • weniger monumental
  • aber deutlich ernsthaft

Oft unterschätzt. Selten banal.


Bolgheri – die Küstenrevolution
In den 1970er-Jahren begann hier eine Bewegung gegen starre Regeln.
Cabernet Sauvignon. Cabernet Franc. Merlot.
Entstanden sind die ersten „Super Tuscans“.
Bolgheri zeigt:

  • dunkle Frucht
  • weichere Tannine
  • maritime Würze
  • internationale Stilistik
  • dennoch mediterrane Identität

Hier wurde die toskanische Struktur globalisiert.


Maremma – Freiheit ohne Dogma
Südlich von Bolgheri, Richtung Grosseto, liegt die Maremma.
Früher sumpfiges Land. Heute eine der dynamischsten Regionen Italiens.
Hier herrscht:

  • viel Sonne
  • Meeresbrise
  • sandige, teils schieferhaltige Böden
  • stilistische Offenheit

Maremma ist keine Rebellion gegen Chianti oder Brunello.
Sie ist ihre Erweiterung.
Hier darf Sangiovese anders sprechen.


Terra Nera – schwarzer Schiefer, tiefe Geschichte
In der Gegend um Grosseto finden sich Böden aus dunklem Schiefer –
bereits zur Römerzeit als Weinberge genutzt.
Schwarzer Schiefer speichert Wärme, fördert Konzentration,
bringt mineralische Tiefe. Kein touristischer Effekt.
Geologie.
Andraemo – IGT Toscana

  • 60 % Sangiovese
  • 20 % Syrah
  • 20 % Cabernet Franc

Sangiovese bringt Struktur. 
Syrah bringt Würze. Cabernet Franc bringt lineare Frische.


Das ist kein Bruch mit der Tradition. Es ist eine Weiterentwicklung.


Scorpus – 100 % Sangiovese IGT
Rebsortenrein. Aber nicht Chianti-Stilistik.

  • Wärmer.
  • Freier.
  • Mediterraner.

Er zeigt, dass Sangiovese nicht nur historische Klassik kann –
sondern moderne Eigenständigkeit.


Stilistik der Toskana
Toskanische Weine sind:

  • säurebetont
  • tanninstrukturiert
  • sonnengeprägt


  • würzig
  • gastronomisch

Mit Reife entstehen:

  • getrocknete Kirsche
  • Leder
  • Tabak
  • Balsamico
  • Unterholz
  • Kräuter

Sie sind selten laut. Aber sie sind präsent.


Vergleich – ohne Konkurrenzdenken
Piemont: Kühler. Strenger. Vertikaler.
Toskana: Wärmer. Mediterraner. Runder im Tannin.


Nicht besser. Nicht schwächer.
Anders gebaut.

Wenn ich an die Toskana denke, denke ich nicht zuerst an Prestige.
Ich denke an Licht.
An Sangiovese, der Struktur zeigt, aber nicht streng wirkt.
Die Toskana will nicht beeindrucken.
Sie will begleiten.


Ein großer Brunello kann monumental sein.
Ein Chianti Classico Gran Selezione kann architektonisch sein.


Aber selbst in ihrer Strenge bleibt die Toskana warm.
Und vielleicht ist genau das ihr Geheimnis:
Struktur mit Sonne.
Ich bin Heinrich.
Und manche Regionen sprechen nicht lauter – sondern heller. 🍷


 
 
 
 
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